Der Tod an der Wolga

Von Wolfgang Nagorske

 

Am 3. Februar 1943 startete Leutnant Herbert Kuntz zu einem Versorgungsflug über Stalingrad. Ihm bot sich vom eisig kalten Winterhimmel ein desaströser Blick in den Abgrund. Er konnte keine deutschen Truppen mehr erkennen. Er war der letzte Versorgungsflieger. Die 6. Armee, die Elite der Wehrmacht, existierte nicht mehr. In der erbitternsten Schlacht im 2. Weltkrieg fanden von September 1942 bis zu jenem 3. Februar 1943 über 700 000 Menschen den Tod, die übergroße Mehrzahl russische Zivilisten und Soldaten. Über 120 000 deutsche Soldaten verreckten auf dem Schlachtfeld, 100 000 wurden gefangen genommen, nur 6 000 von ihnen überlebten die Hölle an der Wolga. Sie starben, wie es zynischer nicht hätte formuliert werden können, für Führer, Volk und Vaterland. Der Führer und Verführer Hitler hatte das Massensterben für seine wahnwitzige Idee der Weltherrschaft in Kauf genommen, als er den Vorschlägen seiner Generäle, sich aus Stalingrad zurück zu ziehen, eine kategorische Absage erteilte. Aber auch die Generäle waren in ihrem dünkelhaften Gehorsam gefangen. Eine von der Roten Armee Mitte Januar 1943 angebotene Kapitulation, die zehntausenden Soldaten auf beiden Seiten der Front das Leben gerettet hätten, schlugen sie abrupt aus. Der Oberbefehlshaber Friedrich Paulus funkte am 30. Januar, dem 10. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers: „Zum Jahrestage Ihrer Machtübernahme grüßt die 6. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein Führer! Paulus, Generaloberst.“ Hitler beförderte Paulus noch am selben Tag zum Generalfeldmarschall. Das Ende des Massensterbens war längst eingeläutet.

Als Leutnant Herbert Kuntz zu seinem letzten Versorgungsflug startete, kehrte er mit Proviant und Verbandsmaterial zurück. Es gab keine deutschen Soldaten mehr.


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